Gehirn-gerechtes Lernen und Medientechnik im Klassenzimmer

Geschrieben am
28.11.2023
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Auf einen Blick
  • Grundlagen des gehirn-gerechten Lernens: Das Lernen ist effizient, wenn es den natürlichen Arbeitsweisen des Gehirns, wie assoziativem Denken und Kategorisierung von Wissen, entspricht.
  • Unterscheidung zwischen Wissen und Können: Während Wissen die Ansammlung von Informationen ist, erfordert Können praktisches Training und Anwendung.
  • Intelligenzmodell nach Perkins: Intelligenz besteht aus drei Komponenten - neuronaler Geschwindigkeit, bestehendem Wissensnetz und effektiven Lernmethoden, was zeigt, dass Intelligenz nicht nur angeboren, sondern auch erlernbar ist.
  • Technologie im Klassenzimmer: Technische Lösungen im Bildungsbereich sollten benutzerfreundlich, zuverlässig und einheitlich gestaltet sein, um Lehrkräften und Schülern optimale Lernumgebungen zu bieten.
  • Birkenbihl-Methode zum Sprachenlernen: Ein alternativer Ansatz, der auf vier Schritten basiert - Dekodieren, Aktiv hören, Passiv hören und Aktivitäten, wobei der Fokus auf dem Verstehen der Funktionsweise der Sprache liegt.
  • Einsatz von Technologie für Sprachtraining: Technologische Tools wie Lernspiele und virtuelle Gespräche können das Sprachenlernen unterstützen, indem sie die Neuromechanismen wie sofortiges Feedback berücksichtigen.
  • Inklusion im Bildungsbereich: Technische Hilfsmittel wie Hörschleifen und Vergrößerungsmonitore können die Teilnahme von Menschen mit körperlichen Einschränkungen am Unterricht erleichtern.
  • Erfahrungsbericht und Akzeptanz: Holenstein berichtet über positive Reaktionen von Eltern, Schülern und Schulleitungen auf ihre Lehrmethoden, die auf gehirngerechtem Lernen basieren.

Teil 1 und 2 des Deep Dives 'Gehirn-gerechtes Lernen und Medientechnik im Klassenzimmer' mit Karin Holenstein befinden sich am Ende des Insights.

Verschiedene, möglichst effiziente Lernmethoden sind mittlerweile ein Thema, über das immer wieder gesprochen wird. Oft wird dabei von „gehirn-gerecht“ gesprochen, einem Begriff, der unter anderem von der deutschen Management-Trainerin und Autorin Vera F. Birkenbihl geprägt wurde. Doch was gehirn-gerecht eigentlich genau bedeutet und auch, welche Rolle Technologie dabei spielt, wird oft nicht wirklich diskutiert. Wir möchten in diesem FLM Media Insight der Frage auf den Grund gehen, was die Grundlagen und Prinzipien von effizientem Lernen sind und wie Medientechnik und Technologie generell dabei helfen kann, diese bestmöglich zu nutzen.

Die Grundlagen gehirn-gerechten Lernens

Gehirn-gerechtes Lernen ist dadurch gekennzeichnet, dass es den Bedürfnissen des Gehirns entspricht oder anders gesagt: Lernmethoden sind dann gehirn-gerecht, wenn sie die Mechanismen und natürlichen Arbeitsweisen des Gehirns ansprechen. Ein wichtiger Mechanismus des Gehirns ist beispielsweise das assoziative Denken: Mit einem Begriff oder Konzept verbinden wir eine Reihe anderer Konzepte, mit denen wir wiederum andere verwenden und so geht das immer weiter. Mit Baum verbindet man vielleicht Stamm und damit etwa Holz und so weiter. Das heißt, dass alles, was wir je gelernt haben in einem riesigen, zusammenhängenden Netz zusammenhängender Begriffe und Konzepte organisiert ist. Ein weiterer dieser sogenannten Neuromechanismen ist das Kategorisieren. Wissen ist in Kategorien organisiert, wie z.B. Lebensmittel, Möbelstücke oder technische Geräte. Wenn wir diesen und vielen weiteren Prinzipien, wie z.B. dem Wunsch nach sofortigem Feedback entsprechen, wird Lernen leicht und eben gehirn-gerecht.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Unterscheidung zwischen Wissen und Können. Das Wissen ist klassisch diese Summe oder das Netz an Informationen. Können, also das Beherrschen einer bestimmten Fähigkeit, ist etwas anderes – es kann nicht durch das Vermitteln von Information erreicht werden, sondern es braucht Training. Diese Differenzierung klingt banal, wird aber oft nicht richtig angewandt – das beste Beispiel ist das Thema Sprachen lernen (siehe weiter unten).  

Eine dritte wichtige Grundlage, um das Thema Lernen besser verstehen zu können, ist die Frage nach der Intelligenz. Oft hält man einzelne Personen für intelligent oder nicht und versteht Intelligenz dabei als eine der Person angeborene Eigenschaft. Dem entgegen steht jedoch das Intelligenzmodell nach Perkins. Er unterscheidet drei Komponenten. Die erste ist die neuronale Geschwindigkeit, d.h. wie schwer oder leicht fällt es jemandem, neue Informationen zu verarbeiten und zu verinnerlichen. Der zweite Teil ist das bestehende Wissensnetz: Hat jemand bereits mehr Vorwissen, so kann er viel schneller Neues lernen, da er an eine Vielzahl bereits bestehender Verbindungen anknüpfen kann. Der dritte Part ist schließlich die Methode. Beim Lernen kann man effizient oder weniger effizient vorgehen. Im Kern ist die Schlussfolgerung, dass Intelligenz bei weitem nicht so stark prädestiniert ist, wie oft angenommen wird und dass sie eben nicht nur aus angeborenen, sondern auch aus erlernbaren und bewusst veränderbaren Komponenten resultiert.  

Die Rolle der Technik im Klassenzimmer

Technologie bietet neue Möglichkeiten. Sie macht Dinge einfacher, die vorher zeitaufwendig oder kompliziert waren oder ermöglicht sogar ganz neue Anwendungsfälle. Viele Schulen haben in den letzten Jahren und beinahe Jahrzehnten begonnen, ihre Klassenzimmer zu modernisieren und neue Geräte anzuschaffen, doch häufig hakt es an der Lösung. Es reicht eben nicht, einige Einzelkomponenten aneinanderzustecken. Das Ergebnis: Lehrerinnen und Lehrer stehen vor der Herausforderung komplett uneinheitlicher Lehrumfelder. In manchen Räumen gibt es gar keine digitale Lösung, in den restlichen weichen die Möglichkeiten und insbesondere die Bedienung stark voneinander ab – häufig ein Grund dafür, die neuen digitalen Technologien erst gar nicht zu nutzen. Aufgrund der Uneinheitlichkeit und fehlender Wartungs- und Servicekonzepte ist die Einsatzfähigkeit und Funktionalität der Ausstattung nicht gewährleistet und die Technik funktioniert dann, wenn sie gebraucht wird, nicht.

Die Lösung: Konzepte, die sich am Use Case und an den Anforderungen der Endnutzer orientieren, d.h. der Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler. Einfache Bedienung, möglichst wenig Benutzereingriffe und eine hohe Zuverlässigkeit. Dazu ein einheitliches Bedienkonzept, dass möglichst in jedem Raum gleich ist.

Sind diese Voraussetzungen garantiert, kann die Technik im modernen Klassenzimmer Türen und Chancen eröffnen, die in der Form zuvor nicht möglich waren. Schülerinnen und Schüler lernen, mit neuen Medien umzugehen und bereiten sich auf das vor, was sie auch nach der Schule erwarten wird. Durch gut integrierte Konferenzsysteme können Expertinnen und Experten auch dann in den Unterricht einbezogen werden, wenn sie weit vom Unterrichtsort entfernt sind. Durch gut abgestimmte AV-Lösungen, Mikrofonie und Kameras wird eine natürliche Interaktion zwischen den Personen im Klassenzimmer und denen, die zugeschaltet sind, möglich. Es muss kein Mikrofon durchgereicht werden und eine natürliche Kommunikation zwischen den virtuellen Gästen und der Klasse wird möglich. Auch die Frage nach der remote Teilnahme am Unterricht bekommt damit eine neue Dimension. Außerdem besteht die Möglichkeit der Immersion: Erlebtes können wir uns besser und nachhaltiger merken. Lesen Sie mehr zu immersiven Lernräumen hier.

Wenn diese neuen Möglichkeiten mit gehirn-gerechten Ansätzen wie eingangs beschrieben kombiniert werden, kann es zu einer Potenzierung des Lernerfolgs kommen. Letzten Endes könnte man an der ein oder anderen Stelle sogar über ein hybrides Schulmodell diskutieren.

Sonderfall Sprachen lernen

Ein besonders kritisches Thema im Bereich „Lernen“ ist für viele das Sprachen lernen. Schnell stellt man sich endlose Vokabellisten und ausführliche Grammatikerklärungen vor, die auswendig zu lernen und in einem Test wiedergegeben werden müssen. Wirklich fließend sprechen gelingt den wenigsten – keine besonders angenehme Vorstellung. Viele kommen schließlich zu dem Schluss, ihnen fehle eben einfach das Sprachentalent. Doch auch hier liegt ein großer Teil des Problems in der Methode.

Die Birkenbihl-Methode zum Sprachen lernen stellt einen alternativen Ansatz dar. Vokabeln lernen ist verboten und Grammatikregeln müssen nur die lernen, die wollen. Sie besteht aus vier Schritten:

1. Dekodieren

2. Aktiv hören

3. Passiv hören

4. Aktivitäten

Beim Dekodieren wird ein fremdsprachiger Text wortwörtlich übersetzt. Dabei geht es nicht um eine richtige, gut klingende Übersetzung, sondern mehr darum, die Funktionsweise der fremden Sprache zu erfassen. Beim aktiven Hören wird die Dekodierung gelesen, während parallel der fremdsprachige Text gehört wird. Dies soll so lange wiederholt werden, bis man den Text beim Hören ohne Dekodierung mühelos verstehen kann. Anschließend geht es darum, die Strukturen, Klänge und Wörter zu verinnerlichen. Hierzu wird der Text passiv gehört, d.h. immer wieder im Hintergrund angehört, während man sich auf etwas ganz anderes konzentriert. Zum Schluss kommen die Aktivitäten: Hier kann das Gelernte angewendet werden.  

Viele der klassischen Sprachübungen aus dem Schulunterricht könnten im vierten Schritt durchgeführt werden. Doch wenn Schülerinnen und Schüler das Material nach den ersten drei Schritten schon gut beherrschen, fallen ihnen die Übungen leicht. Es ist nicht mehr das frustrierende Erlebnis, sondern eher ein Training und eine Bestätigung dafür, was man bereits gelernt hat. Gerade hier können Technologien helfen: Von Lernspielen, über virtuelle Gespräche mit Muttersprachlern, von immersiven Lernräumen über die Kultur des anderen Landes zu Lückentexten. Wichtig ist auch hierbei die Berücksichtigung der Neuromechanismen wie z.B. dem sofortigen Feedback. Doch auch beim passiven und aktiven Hören kann durch eine gute Integration der Technik ein angenehmeres Erlebnis für Lehrkraft und Lernende geschaffen werden.  

Inklusion im Klassenzimmer von morgen (oder heute)

Auch die Frage nach der Inklusion sollte in diesem Zusammenhang nicht ungeklärt bleiben. Es ist ein wichtiges Anliegen, Menschen mit Einschränkungen die aktive Teilnahme am Unterricht bestmöglich zu ermöglichen. Ist jemand beispielsweise schwerhörig, so kann es ihm durch Hörschleifen ermöglicht werden, dennoch am normalen Unterricht teilzunehmen. Hiermit können auch Aktivitäten wie beispielsweise das passive Hören (siehe oben) für Betroffene vereinfacht werden. Menschen mit Seheinschränkung können durch Kameras und Vergrößerungsmonitore einfacher dem Geschehen im Klassezimmer folgen und so besser lernen.  

Erfahrungsbericht: Wie das Umfeld auf Veränderungen reagiert

Im Interview (siehe oben) haben wir mit Karin Holenstein darüber gesprochen, wie Eltern, Schüler und Schulleitung auf ihre zunächst ungewohnten Lehrmethoden reagiert haben. Sie erzählt, dass es natürlich zunächst Aufsehen gab, doch in einer sehr positiven Art. Viele Eltern haben stolz darüber berichtet, wie viel ihre Kinder auf einmal wissen und können und auch bei der Schulleitung wurde der deutlich bessere Umgang bemerkt. Bei Besuchen im Unterricht registrierte man die veränderte Vorgehensweise, doch nachdem die Hintergründe klar waren, stieß es auf Offenheit und Zustimmung. Es geht auch nicht um eine 180°-Wende: „Auch in Seminaren sage ich oft zu Lehrkräften, das, was ihr bis jetzt gemacht habt, das müsst ihr nicht wegwerfen, das ist nicht schlecht“, sagt Holenstein. Doch vielleicht gehört es an einen anderen Zeitpunkt oder sollte durch gehirn-gerechte Elemente ergänzt werden. Auch die Schülerinnen und Schüler mussten sich anfangs umstellen, z.B. bei der Anwendung von Wissensquizspielen zur Vorbereitung auf ein Thema – „Was will die jetzt alles von uns wissen?“. Nach einiger Zeit stellen sie jedoch fest, dass es nicht darum geht, etwas zu überprüfen, sondern dass sie Wege erlernen sollen, um ihr eigenes Lernen aktiv zu gestalten. „Dann sind sie auch bereit, Verantwortung zu übernehmen.“  

Weitere Informationen zur Arbeit von Karin Holenstein finden Sie hier.

Deep Dive: Gehirn-gerechtes Lernen und Medientechnik im Klassenzimmer' mit Karin Holenstein

Teil 1:

Teil 2:

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